Ich danke all den wenigen, die ab und zu in dieses Blog gelesen haben. Es waren nicht genug. Wenn ich in meinem anderen Blog über das gleiche Thema schreibe, habe ich ungleich mehr Leser. Ich habe, um meine Energien zu bündeln und damit zu schonen, Umstrukturierung beschlossen.
Artikel zum Sinnesreisen finden sie künftig in meinem nunmehr einzigen Blog cronenburg. Und zwar am leichtesten unter den Tags Sinnesreisen, Dreiländereck, Elsass etc.
Diese Blog wird als Archiv bestehen bleiben, aber nicht mehr weitergepflegt. Bitte folgen sie mir zu cronenburg!
04.11.09
13.10.09
Kindheitserinnerung: Mohn
Kürzlich habe ich mich noch mit Mohnliebhabern darüber unterhalten, dass die Verwendung dieser köstlichen Samen einem zeigen kann, dass man sich in Mitteleuropa befindet. Ganz alte und traditionelle elsässische Bäcker verwenden noch Blaumohn fürs Gebäck, aber danach muss man lange suchen. In Frankreich sind diese Füllungen eher unbekannt. Schade, denn ich bin als Kind schon mit köstlichen Mohnkuchen groß geworden, ein Vorteil von Familien, die wer weiß woher kommen. Und dann gab es die Füllung irgendwie nicht mehr in der gleichen Qualität zu kaufen.
Ich musste erst in Polen leben, um zu lernen, warum. Eines Tages bekam ich dort den herrlichsten Mohnstrudel zu essen. Die fröhliche Bäckerin zwinkerte mit den Augen, lachte und erklärte, der sei noch richtig nach traditioneller Art gebacken, nur so schmecke er. Denn der blaue Mohn sei einfach nicht dasselbe, weniger fruchtig, viel trockener. Und entspanne auch nicht so schön...
Was sie denn stattdessen verbacken habe, wollte ich wissen. Sie wand sich ein wenig. Na ja, ihr Cousin lebe auf dem Land und der habe hinter hohen Thujahecken noch eine kleine Plantage, schwer sei es geworden, sie kontrollierten doch überall, dabei bauten sie die Blumen nur wegen des Kuchens an. Ich brauchte das polnische Wort für diesen leckeren Mohn nicht nachschlagen. Dann erzählte sie mir, wie sie bei großen Festen den Kindern ein Stück Mohnkuchen gäben, wenn sie zu aufgekratzt seien und ja, früher habe man auch etwas in Milch aufgekochten Mohn mit Honig in Leinensäckchen gefüllt und als Schnuller verwendet.
Seither ist dieser Mohnkuchen aus den Neunzigern in Polen ein Mythos in meinem Erzählschatz, weil er schmeckte wie in meiner Kindheit - und weil ich diese Köstlichkeit seither vergeblich suche. Dumm war ich! Vergaß den Umweg über das Osmanische Reich... (und das Österreicher Waldviertel ist hier auch zu weit weg).
Heute fand ich in einem Regal mit türkischen Spezialitäten fertig gemahlenen Mohn in Gläsern. Das Kleingedruckte verspricht tatsächlich den guten alten Schlafmohn. Und auf Türkisch steht da (Akzente habe ich leider keine): Hashas Ezmesi. Man muss also erst nach Deutschland in einen türkischen Laden, um eine in Frankreich fehlende polnisch-russische Köstlichkeit zu finden! Ich bin gespannt aufs Backergebnis.
Übrigens, keine Angst, Schlafmohnzubereitungen sind eines der ältesten Nahrungsmittel der Welt und allenfalls leicht beruhigend. Das hat nichts mit dem aus dem Milchsaft der grünen angeritzten Kapseln hergestellten Opium verarbeitet wird. Allerdings sollen laut Wikipedia größere Kuchenmengen im Drogentest anschlagen.
Ich musste erst in Polen leben, um zu lernen, warum. Eines Tages bekam ich dort den herrlichsten Mohnstrudel zu essen. Die fröhliche Bäckerin zwinkerte mit den Augen, lachte und erklärte, der sei noch richtig nach traditioneller Art gebacken, nur so schmecke er. Denn der blaue Mohn sei einfach nicht dasselbe, weniger fruchtig, viel trockener. Und entspanne auch nicht so schön...
Was sie denn stattdessen verbacken habe, wollte ich wissen. Sie wand sich ein wenig. Na ja, ihr Cousin lebe auf dem Land und der habe hinter hohen Thujahecken noch eine kleine Plantage, schwer sei es geworden, sie kontrollierten doch überall, dabei bauten sie die Blumen nur wegen des Kuchens an. Ich brauchte das polnische Wort für diesen leckeren Mohn nicht nachschlagen. Dann erzählte sie mir, wie sie bei großen Festen den Kindern ein Stück Mohnkuchen gäben, wenn sie zu aufgekratzt seien und ja, früher habe man auch etwas in Milch aufgekochten Mohn mit Honig in Leinensäckchen gefüllt und als Schnuller verwendet.
Seither ist dieser Mohnkuchen aus den Neunzigern in Polen ein Mythos in meinem Erzählschatz, weil er schmeckte wie in meiner Kindheit - und weil ich diese Köstlichkeit seither vergeblich suche. Dumm war ich! Vergaß den Umweg über das Osmanische Reich... (und das Österreicher Waldviertel ist hier auch zu weit weg).
Heute fand ich in einem Regal mit türkischen Spezialitäten fertig gemahlenen Mohn in Gläsern. Das Kleingedruckte verspricht tatsächlich den guten alten Schlafmohn. Und auf Türkisch steht da (Akzente habe ich leider keine): Hashas Ezmesi. Man muss also erst nach Deutschland in einen türkischen Laden, um eine in Frankreich fehlende polnisch-russische Köstlichkeit zu finden! Ich bin gespannt aufs Backergebnis.
Übrigens, keine Angst, Schlafmohnzubereitungen sind eines der ältesten Nahrungsmittel der Welt und allenfalls leicht beruhigend. Das hat nichts mit dem aus dem Milchsaft der grünen angeritzten Kapseln hergestellten Opium verarbeitet wird. Allerdings sollen laut Wikipedia größere Kuchenmengen im Drogentest anschlagen.
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01.10.09
Kunst im Garten
Wieder ist im Galand in Kehl-Odelshofen eine Veranstaltungssaison beendet - und das wird traditionell mit sonntäglicher "Kunst im Garten" zelebriert. Ich selbst hatte schon zwei mal das Vergnügen, an diesem besonderen Ort auftreten zu dürfen und möchte den Geheimtipp gern öffentlich teilen - hier trifft man immer wieder besondere Menschen in einer beflügelnden Atmosphäre. Gleichzeitig gibt die Kunstausstellung im Garten, der umgebauten Tabakscheuer und der kleinen Galerie Nachwuchskünstlern aus Deutschland und Frankreich die Gelegenheit, ihre Werke zu präsentieren und Gespräche mit dem Publikum zu führen.
Am Sonntag, den 4. Oktober 2009 von 11-18 Uhr gibt es Kunst im Garten zum 13. Mal, der Eintritt ist frei, der Verein sorgt für ein Buffet.
Natürlich sind die Werke zu verkaufen. Mein Tipp: Hier kann man auch den Grundstock für eine Kunstsammlung legen, ohne Millionär zu sein!
Zu sehen sind diesmal: Ursel Bopp mit Schmuck, Albrecht A. Bopp mit Bildern, Ecki Brause mit Bildern und Karrikaturen, Markus Bromm mit Pyrographien, Jan Sosein Carl mit Malerei, Suvan U. Dingler mit Keramik, Silke Charlott Häge mit Plastiken, Angela Johe mit Porzellan und Kleidern, Eliane Karakaya mit Bildern, Eva Lübold mit Figuren, Sabine Maitre mit Skulpturen und Glas und Adelheid Pfeil mit Radierungen.
Alles Wissenswerte und Adresse: Galand / Kunst im Garten
Hier ein Artikel zum Einstimmen (pdf)
Am Sonntag, den 4. Oktober 2009 von 11-18 Uhr gibt es Kunst im Garten zum 13. Mal, der Eintritt ist frei, der Verein sorgt für ein Buffet.
Natürlich sind die Werke zu verkaufen. Mein Tipp: Hier kann man auch den Grundstock für eine Kunstsammlung legen, ohne Millionär zu sein!
Zu sehen sind diesmal: Ursel Bopp mit Schmuck, Albrecht A. Bopp mit Bildern, Ecki Brause mit Bildern und Karrikaturen, Markus Bromm mit Pyrographien, Jan Sosein Carl mit Malerei, Suvan U. Dingler mit Keramik, Silke Charlott Häge mit Plastiken, Angela Johe mit Porzellan und Kleidern, Eliane Karakaya mit Bildern, Eva Lübold mit Figuren, Sabine Maitre mit Skulpturen und Glas und Adelheid Pfeil mit Radierungen.
Alles Wissenswerte und Adresse: Galand / Kunst im Garten
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22.09.09
Sprachmissionare
Wer das Elsass kennt, wird wissen, dass ich in diesem Landstrich hauptsächlich des Französischen mächtig sein muss, öfter Elsässisch höre - aber seltenst lebendiges, aktuelles Hochdeutsch zu Ohren bekomme. Nach nun genau 20 Jahren Emigration bilde ich mir ein, einigermaßen Französisch zu sprechen - zumal ich ja inzwischen auch als Übersetzerin arbeite.
Heute war jedoch wieder einmal ein Tag der Zangengeburt. Arztfranzösisch. Plötzlich fehlen mir grundlegende Wörter. Wie nennt man verdammt noch mal den Handballenteil direkt unterm Daumen? Ich weiß das nicht einmal auf Deutsch. Was für ein Pflaster, welches Instrument, was soll ich? Wie der kleine Alien frage ich zweimal nach. Und weil der Arzt ja nicht glauben soll, ich hätte etwas an den Ohren, entschuldige ich mich für mein Hauruck-Französisch, in dem der Ballen halt zur Hand wird. Ich kenne auch dieses Medikament nicht, das jedes Kind aus dem Fernsehen kennt. Ich muss als Kind auf einem anderen Planeten gewesen sein. Mir fehlten öfter noch Wörter, sage ich.
Und dann kommt diese wunderbare Antwort, die ich schon auswendig kenne: "Mais, il faut l'apprendre!" (Dann muss man es halt lernen!) So weit war ich vor 20 Jahren schon einmal. Nein, es seien nur diese medizinischen Spezialwörter, ich könne dagegen sofort eine Fachdiskussion über Archäologie... - Ich solle mir mal die Inder angucken. Die Inder kommen in unser Land als Missionare und Prediger und lernten in Nullkommanichts fließend Französisch. Und Deutsch noch besser. Und das komme daher, dass die so viel lesen und schreiben. Tja, der Kolonialismus schlägt um Ecken zurück. Ich gebe zu bedenken, dass ich als Übersetzerin auch lese und schreibe. - Reden sagt er, und denkt ans Predigen. Ich denke daran, dass ich etwas gegen das Missionieren habe.
Was reden Sie denn den ganzen Tag zu Hause? Ertappt. All meine Buchfiguren reden Deutsch. Und ich spreche bei meiner Arbeit in der Regel nicht. Ich bin eine Schreibrednerin. Ich tratsche nicht herum. Meine Nachbarn und Freunde reden fließend Europlais, diese wunderbare Mischung aus drei Sprachen, wo man sich spontan in derjenigen bedient, die einem spontan auf die Zunge rollt. Der Rest der Konsultation läuft in Pidgin-Französisch ab, wohl aus Rücksicht. Wenn der Mann nicht so viele Silben vernuscheln würde, könnte ich ja sogar sein Originalfranzösisch verstehen. Aber auch ich bin höflich. Und verspreche, fleißig zu lernen. Denn inzwischen fallen mir nicht einmal mehr die bekannten Wörter ein.
Der türkische Arzt im Krankenhaus, der absolut fließend und akzentfrei Französisch sprach, hatte mich gelobt und damit zum Reden gebracht. Dieser Arzt von heute behandelt auch meine deutsche Freundin und spricht mit ihr perfekt Deutsch.
Auch nach 20 Jahren Frankreich weiß ich noch nicht, welche Sorte Endorphine ausgeschüttet wird, wenn man jemandem nicht mit einem Wort beispringt, das man sehr wohl erklären, gar übersetzen könnte. Stattdessen wird das Skalpell angesetzt: Dummerle du, man kann das lernen. Tu endlich was dagegen, dass du ein Alien bist.
Falls sich jetzt andere Nationalitäten die Hände reiben, Vorsicht! Diese Sprachverweigerung habe ich auch schon in anderen Ländern erlebt, einschließlich Deutschland. Schade, denn sie bringt Sprachlosigkeit zur Welt. Wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig missionieren zu wollen, andere nicht mehr partout in die eigenen Normen pressen, dann entsteht Vielfalt, die uns alle reicher macht. Weil wir auf gleicher Augenhöhe voneinander lernen können. Und wieder miteinander reden.
Sprache lebt. Sprache will wild sein dürfen, anders und unbequem. Sprache darf explodieren, falsch sein, experimentieren. Sie muss atmen können. In unserem herrlichen Europlaisgemisch kochen die Emotionen im Dialekt, bunt, drastisch, bildreich. Mit diplomatischem Französisch werden Streicheleinheiten verteilt, mit Deutsch geht es konkret ins Ziel - um dann durch den Dialekt und ein paar aus der anderen Sprache entlehnten Satzumbauten ein wenig Härte zu verlieren, Farbe anzunehmen. Ich glaube, die Inder, die hier alles in Nullkommanichts lernen, wissen das.
Heute war jedoch wieder einmal ein Tag der Zangengeburt. Arztfranzösisch. Plötzlich fehlen mir grundlegende Wörter. Wie nennt man verdammt noch mal den Handballenteil direkt unterm Daumen? Ich weiß das nicht einmal auf Deutsch. Was für ein Pflaster, welches Instrument, was soll ich? Wie der kleine Alien frage ich zweimal nach. Und weil der Arzt ja nicht glauben soll, ich hätte etwas an den Ohren, entschuldige ich mich für mein Hauruck-Französisch, in dem der Ballen halt zur Hand wird. Ich kenne auch dieses Medikament nicht, das jedes Kind aus dem Fernsehen kennt. Ich muss als Kind auf einem anderen Planeten gewesen sein. Mir fehlten öfter noch Wörter, sage ich.
Und dann kommt diese wunderbare Antwort, die ich schon auswendig kenne: "Mais, il faut l'apprendre!" (Dann muss man es halt lernen!) So weit war ich vor 20 Jahren schon einmal. Nein, es seien nur diese medizinischen Spezialwörter, ich könne dagegen sofort eine Fachdiskussion über Archäologie... - Ich solle mir mal die Inder angucken. Die Inder kommen in unser Land als Missionare und Prediger und lernten in Nullkommanichts fließend Französisch. Und Deutsch noch besser. Und das komme daher, dass die so viel lesen und schreiben. Tja, der Kolonialismus schlägt um Ecken zurück. Ich gebe zu bedenken, dass ich als Übersetzerin auch lese und schreibe. - Reden sagt er, und denkt ans Predigen. Ich denke daran, dass ich etwas gegen das Missionieren habe.
Was reden Sie denn den ganzen Tag zu Hause? Ertappt. All meine Buchfiguren reden Deutsch. Und ich spreche bei meiner Arbeit in der Regel nicht. Ich bin eine Schreibrednerin. Ich tratsche nicht herum. Meine Nachbarn und Freunde reden fließend Europlais, diese wunderbare Mischung aus drei Sprachen, wo man sich spontan in derjenigen bedient, die einem spontan auf die Zunge rollt. Der Rest der Konsultation läuft in Pidgin-Französisch ab, wohl aus Rücksicht. Wenn der Mann nicht so viele Silben vernuscheln würde, könnte ich ja sogar sein Originalfranzösisch verstehen. Aber auch ich bin höflich. Und verspreche, fleißig zu lernen. Denn inzwischen fallen mir nicht einmal mehr die bekannten Wörter ein.
Der türkische Arzt im Krankenhaus, der absolut fließend und akzentfrei Französisch sprach, hatte mich gelobt und damit zum Reden gebracht. Dieser Arzt von heute behandelt auch meine deutsche Freundin und spricht mit ihr perfekt Deutsch.
Auch nach 20 Jahren Frankreich weiß ich noch nicht, welche Sorte Endorphine ausgeschüttet wird, wenn man jemandem nicht mit einem Wort beispringt, das man sehr wohl erklären, gar übersetzen könnte. Stattdessen wird das Skalpell angesetzt: Dummerle du, man kann das lernen. Tu endlich was dagegen, dass du ein Alien bist.
Falls sich jetzt andere Nationalitäten die Hände reiben, Vorsicht! Diese Sprachverweigerung habe ich auch schon in anderen Ländern erlebt, einschließlich Deutschland. Schade, denn sie bringt Sprachlosigkeit zur Welt. Wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig missionieren zu wollen, andere nicht mehr partout in die eigenen Normen pressen, dann entsteht Vielfalt, die uns alle reicher macht. Weil wir auf gleicher Augenhöhe voneinander lernen können. Und wieder miteinander reden.
Sprache lebt. Sprache will wild sein dürfen, anders und unbequem. Sprache darf explodieren, falsch sein, experimentieren. Sie muss atmen können. In unserem herrlichen Europlaisgemisch kochen die Emotionen im Dialekt, bunt, drastisch, bildreich. Mit diplomatischem Französisch werden Streicheleinheiten verteilt, mit Deutsch geht es konkret ins Ziel - um dann durch den Dialekt und ein paar aus der anderen Sprache entlehnten Satzumbauten ein wenig Härte zu verlieren, Farbe anzunehmen. Ich glaube, die Inder, die hier alles in Nullkommanichts lernen, wissen das.
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16.09.09
Herbstliche Grenzlandgenüsse
Wo einst die Römer durch barbarische Lande zogen, hinterließen sie zuerst einmal Weinreben und dann auch unbekanntere Kulturpflanzen, die bis heute die Landschaft prägen. Im Dreiländereck Pfalz-Baden-Elsass, dieser weinseligen Landschaft, kann man jene Kulturrelikte nicht nur bewundern, sondern vor allem schmecken. Und wenn nächste Woche die schönste Jahreszeit für Wanderer, Weinliebhaber und Feinschmecker beginnt, lohnt sich der Ausflug in die Natur besonders. Hier ein paar Tipps aus meiner Region und Küche. Fotos zum Vergrößern anklicken. Zu sehen: Grenzlandschilder Elsass-Pfalz / Brillat-Savarin mit Cassisgelee und Nussbrot / Esskastanienblätter.FEIGEN
Sie sind eine Spezialität vor allem in der Südpfalz, wo sie üppig alte Stadtmauern begrünen und in Winzerhöfen Schatten spenden. Kein Wunder, denn die südliche Weinstraße erfreut sich einer der mildesten Witterungen Deutschlands - zu sehen an der Mandelbaumblüte im zeitigen Frühjahr. Noch kommen die ersten Feigen im Supermarkt aus der Türkei, doch bald sind die heimischen beim Bauern zu finden: Sommersorten und bis in den späten Herbst hinein die Herbstfeigen. Am besten schmecken sie frisch vom Baum, vielleicht mit einem luftgetrockneten Schinken.Ich bekam von Franzosen ein Glas Feigen, die mit einigen Walnusskernen, einem guten Schuss Tresterschnaps und wenig braunem Zucker wie Marmelade eingekocht waren. Ein nicht allzu süßer Brotaufstrich, aber auch eine feine Beilage zu Wild und gebeiztem Rindfleisch - oder zu kräftigen Schweinefleischgerichten in die Sauce gerührt, etwas trockener Rotwein dazu. Am liebsten mag ich das Feigenmus zu einem Brillat-Savarin-Käse (junger Ziegenkäse passt auch) und Nussbrot. Habe ich einmal keins zur Hand, verwende ich Cassisgelee. Man muss die Kombination von leicht rauchiger Fruchtsüße zum aromatischen, leicht säuerlichen und fruchtigen Käse einfach einmal geschmeckt haben!
ESSKASTANIEN
Sie kennt hierzulande jedes Kind und sie wachsen grenzüberschreitend. Im Nordelsass vor allem auf dem hügeligen Waldmassiv um die Orte Drachenbronn, Climbach und Lembach. Da geht es dann auch schon hoch ins Burgenland und in den Pfälzer Wald hinein - die Bäume kennen keine Grenzen. Die meisten Esskastanien im Badischen fand ich um das Murgtal herum in den ansteigenden Wäldern südlich von Gaggenau. Dass man Esskastanien mit einem sehr scharfen, spitzen Messer an der platten Seite kreuzförmig aufschlitzt und über dem Feuer oder im Backofen röstet, um sie dann zu schälen, weiß auch fast jeder. Die speziellen Pfannen fürs offene Feuer, aus Eisen und mit runden Löchern im Boden, findet man in elsässischen Supermärkten und vor allem auf Märkten. So ein Maronenfeuer ist ein Vergnügen in den ersten Frostnächten, wenn der dazu gehörige Gewurztraminer von selbst kaltgestellt bleibt. In den Städten wärmt man sich die Finger bei mobilen Maroniständen.
Doch kaum einer weiß, dass auch die Esskastanienblätter eine Delikatesse sein können! Man erntet sie grün und legt sie in einen guten Marc de Gewurz ein, auch Cognac ergibt einen harmonischen Geschmack. Die übereinander gelegten Blätter müssen vollkommen vom Schnaps bedeckt sein und so lange ziehen, bis sie sich verfärben. Ist das Glas gut verschlossen und sauber, halten sich die Blätter länger darin. Zur Not kann man den Marc durch einen sehr fruchtigen Grappa ersetzen, denn beides sind Tresterschnäpse.Jetzt besorgt man sich beim Bauern frische, junge Ziegenkäse - vielleicht sogar einen extrem jungen Munsterkäse, der gerade das Reifestadium nach dem Weißkäse erreicht hat. Man wickelt die Käse fest in die Schnapsblätter ein, so dass sie ganz bedeckt sind, und bindet sie mit Baumwollschnur auf. Die so zubereiteten Blätter machen ähnlich wie Holzkohlestreu den Käse haltbarer. Zwei bis drei Wochen kühl gestellt ziehen lassen - das neue Käsearoma betört schon durch den Duft beim Auswickeln! Und nein, die Blätter isst man nicht mit.
Wer auf den Geschmack gekommen ist, findet weitere Rezepte (und natürlich nicht nur die) aus meiner Küche in "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" (Geschenkbuchausgabe / Hörbuchausgabe). Ich beschreibe darin u.a. die Keschtewurst, die es nur im Herbst gibt und Foie Gras an Kastanienpüree. Da fällt mir sogar ein, dass das Wildschwein mit Hagebuttensauce auch hervorragend mit obigem Feigenmus schmecken müsste! Guten Appetit!
11.09.09
Leben wie Gott im Dreiländereck
Sauertöpfe und Edelgabeln
Eine Kollegin war kürzlich in Strasbourg und kam ziemlich entsetzt über die mangelnde Freundlichkeit des Servicepersonals zurück - von überteuerter und schlechter Qualität kaum zu reden. Inzwischen muss man sich in Strasbourg in der Tat bestens auskennen oder noch besser in die leckere Ortenau flüchten - denn selbst die einst kulinarisch reizvolle Region Richtung Odilienberg oder Choucroute-Land ist inzwischen fest in der Hand der Großstadt-Schicki-Mickis. Die nennt man in Frankreich zwar anders (BCBG), aber wie in jedem Land hinterlassen sie eine Spur unbezahlbar gewordener Edelrestaurants. Der Rest sinkt auf Billigbusreisen-Niveau ab: fressen, Maul halten, zahlen.
Mein Tipp, den ich auch nur von Elsässern habe, ruft bei vielen deutschen Elsassbesuchern Erstaunen hervor: Nutzt die Reichtümer des Grenzlands, sucht euch von allem das beste. Und das bedeutet, dass Normalverdiener im Elsass selten noch das Vergnügen der guten alten Kneipen haben, wo tagsüber Handwerker und Bauern verkehren und abends noch kein Lachs auf die Flammkuchen gebröckelt wird. Viele Wirte mit gutem Ruf von einst scheinen es nicht mehr nötig zu haben, auch ich habe schon die kantigen Gesichter vor mir gehabt, wenn ich nicht das Acht-Gänge-Touri-Menu bestellen wollte. Die Weinstubenkultur hat man sich kaputt gemacht, offen gibt es meist nur einfachen Wein, ansonsten muss man schauen, wie man die ganze Flasche in erlaubten 0,3 Promill unterbringt.
Essen in Gärten
Kurzum: Elsässer findet man immer öfter in deutschen Gasthäusern im Grenzland. Da ist die badische Küche, die der französischen in vielem ähnelt und oft ein wenig mehr Raffinesse entwickeln durfte als im Elsass. Und wo bekommt man sonst für einen Tratsch unter Freunden einen einfachen Kartoffel- oder Wurstsalat oder lebend gefangene Forellen? Wir im Nordelsass schwärmen meist aus in die Winzerhöfe der Pfalz. Edle Tropfen auch als Achtel oder Viertel, der arme Fahrer muss keinen Siff trinken - und mehrfach billiger ist es obendrein. Ambiente gibt's für die Großfamilie genauso wie für den Antiquitätenfreak. Vor allem Gärten, Gärten, Gärten.
Wir lästern manchmal: Zuerst haben uns die deutschen Touristen die Preise und die Qualität kaputt gemacht, weil sie nicht kritisch waren, jetzt fallen wir bei denen ein wie die Ameisen am Zuckertropfen. Und vielleicht geben sich die elsässischen Wirte dann im Normalpreissegment irgendwann auch wieder ein wenig Mühe?
Dabei können sie kaum etwas für die Preisentwicklung. In französischen Großstädten gab es bereits offene Diebstahlaktionen in Hypermarchés, um darauf aufmerksam zu machen, dass eine französische Familie sich die Lebensmittelpreise kaum noch leisten kann. Von Woche zu Woche fehlt in meinem Einkaufsmarkt ein neues Markenprodukt mit dem Hinweis, man handle noch einen bezahlbaren Preis aus und werde so lange das Produkt nicht mehr führen. Deutsche Billigdiscounter sichern das Leben in Frankreich.
Meine Genießerstraße
Und wir im Grenzland überqueren einmal mehr die Grenze. Neben den Supermärkten hat es mir in der Pfalz ganz speziell das Einkaufen von Frischware angetan. Es gibt da gleich hinter der Grenze eine Route, die ich Genießerstraße nenne. Mindestens einmal im Monat gehe ich auf Tour und kaufe auf Vorrat ein. Wenn ich dann koche, koche ich zu viel und friere Portionen ein - so liebe ich Fastfood. Meine Genießerstraße führt durch Grenzkauderwelsch, Elsässer pflücken dort gerade deutschen Wein und bei einem deutschen Winzer kommen elsässische Trauben ins Fass. Heute nur ein paar Schritte, vor dem Schengener Abkommen brauchten die Winzer noch Sondergenehmigungen für den häufigen Grenzübertritt im Traktor.
Dann fängt irgendwo dahinter das Paradies an, rotbackig leuchten die Äpfel, so weit das Auge reicht. Statt der elenden landschaftsverödenden Maisfelder Obst und Gemüse - so reich kann Natur aussehen. Jedes Dorf ist mit Schildern gespickt, manchmal durch Auslagen untermalt. Man macht mir Mirabellen und Weinbergpfirsiche schmackhaft, die hier Persching heißen. Unzählige Kürbisse leuchten zwischen Kartoffelsäcken und jemand verkauft Wild. An einem andern Hof lockt ein Schild mit Ziegenfleisch und -wurst. Die roten, weißen und blaugrünen Kohlköpfe leuchten wie Edelsteine.
Schaummäuse und feuchter Roggensauerteig
Doch zuerst ist immer mein Bäcker dran. Ich habe ihn zufällig entdeckt, als ich immer der Nase nach fuhr, auf der Suche nach einem authentischen guten Brot ohne Fabrikgeschmack. Dann kam dieses Dorf, in dem ich mich hoffnungslos verfranste und das Gefühl hatte: hier muss ein uriger Bäcker sein. Ein Teigparadies! Natursauerteige, keine Backmischungen - ein Roggensauerteig, wie ich es seit meiner Kindheit nicht mehr gegessen habe. So ein Brot schmeckt auch nach einer Woche noch.
In der Auslage lauern ausgerechnet noch die Süßigkeiten meiner Kindheit, Colaflaschen, Schaummäuse, Lakritzschnecken, Erdbeeren und wie das alles heißen mag. Dahinter werden die Erwachsenen verführt, mit diesen herrlichen traditionellen Kuchen und Torten, die schmecken wie von Oma handgebacken. Zwetschgentorte, ein üppiger Bienenstich, ein Frankfurter Kranz - oder Nusszopf, den man zerpflücken kann, so feucht-leicht zieht der Hefeteil in der Hand. Noch ein Tiefkühlfach: Brot, wenn das Baguette mal wieder zu den Ohren herauskommt.
Kürbiskenntnisse
Anschließend geht's zum Riechen und Fühlen beim Bauern. Die roten Kartoffeln, die ich so liebe, sind noch ganz erdig, die Weinbergpfirsiche haben einen hellen Pelz. Es duftet die Gute Luise, eine Birnensorte, die man auf europäischen Normmärkten auch seltener findet. Und dann habe ich mir - als Laie in der Pfalz - gleich eine Kürbisberatung geholt. Denn so viele unterschiedliche Sorten kenne ich nicht. Heimgebracht habe ich mir ein honigbeiges birnenförmiges Etwas, das so schmecken soll, wie es aussieht: nach Honig und Nüssen. Viel zu schade für eine Suppe, den könne man wie Schnitzel in guter Butter braten. Gute Butter, sonst nichts, das empfahl auch die Bäckerin auf das Vollkornbrot.
Und immer wieder bin ich überrascht, wie viel frische und einwandfreie Ware ich für wie wenig Geld mit nach Hause bringe, wie wohlschmeckend die Küche nach Jahreszeiten ist, wie abwechslungsreich. Auf der Heimfahrt sehe ich sie ernten und pflücken, was bei mir auf den Tisch kommt - und das schmeckt gleich noch mal so gut. Da wird nicht unreif gepflückt und ewig in Schiffscontainern durch die halbe Welt verschifft, das Gemüse ist frisch vom Acker.
Das gewisse Etwas
Wer so viel spart, lässt sich dann auch verführen zu noch einem Genuß. Ich bin gespannt, ich kann es noch nicht glauben, aber die Bäuerin versicherte mir, dass der Sauerkirschlikör in Sekt jeden Kir Royal vergessen lasse. Denn auch das ist Pfalz: allenthalben stolpert man über feine Weine, herzhaft Selbstgebranntes und edle Wässerchen, selbst Sekt.
Morgen ist dann Frankreich dran, für Kaffee und Rohrzucker und Käse und all das, was man auf der anderen Seite der Grenze nicht so kennt. Kein Wunder, dass ich mir das Leben in einem Binnenland nicht mehr vorstellen mag und mich schmunzelnd erinnere, wie wir solche Sachen früher mühsam und gefahrvoll über die grüne Grenze schmuggeln mussten. Nie werde ich die Ente vergessen, die wir wegen unserer Abi-Fete im Zollgrenzbezirk mit neun Leuten füllten. Vor der Grenze stieg die Belegschaft aus und lief zu Fuß über die Rheinbrücke. Hinten stiegen alle wieder ein. Denn man durfte nur drei Flaschen Sekt pro Kopf kaufen. Da hat sich zum Glück viel getan, vor der Sektfabrik in Wissembourg laden inzwischen auch polnische Laster Paletten auf.
Europäisch wird es auch am Wochenende, ich bekoche Gäste aus Deutschland und Südfrankreich und bin gespannt auf die Gesichter, wenn ich zur Pfälzer Frischware afrikanischen Wein kredenzen werde...
Eine Kollegin war kürzlich in Strasbourg und kam ziemlich entsetzt über die mangelnde Freundlichkeit des Servicepersonals zurück - von überteuerter und schlechter Qualität kaum zu reden. Inzwischen muss man sich in Strasbourg in der Tat bestens auskennen oder noch besser in die leckere Ortenau flüchten - denn selbst die einst kulinarisch reizvolle Region Richtung Odilienberg oder Choucroute-Land ist inzwischen fest in der Hand der Großstadt-Schicki-Mickis. Die nennt man in Frankreich zwar anders (BCBG), aber wie in jedem Land hinterlassen sie eine Spur unbezahlbar gewordener Edelrestaurants. Der Rest sinkt auf Billigbusreisen-Niveau ab: fressen, Maul halten, zahlen.
Mein Tipp, den ich auch nur von Elsässern habe, ruft bei vielen deutschen Elsassbesuchern Erstaunen hervor: Nutzt die Reichtümer des Grenzlands, sucht euch von allem das beste. Und das bedeutet, dass Normalverdiener im Elsass selten noch das Vergnügen der guten alten Kneipen haben, wo tagsüber Handwerker und Bauern verkehren und abends noch kein Lachs auf die Flammkuchen gebröckelt wird. Viele Wirte mit gutem Ruf von einst scheinen es nicht mehr nötig zu haben, auch ich habe schon die kantigen Gesichter vor mir gehabt, wenn ich nicht das Acht-Gänge-Touri-Menu bestellen wollte. Die Weinstubenkultur hat man sich kaputt gemacht, offen gibt es meist nur einfachen Wein, ansonsten muss man schauen, wie man die ganze Flasche in erlaubten 0,3 Promill unterbringt.
Essen in Gärten
Kurzum: Elsässer findet man immer öfter in deutschen Gasthäusern im Grenzland. Da ist die badische Küche, die der französischen in vielem ähnelt und oft ein wenig mehr Raffinesse entwickeln durfte als im Elsass. Und wo bekommt man sonst für einen Tratsch unter Freunden einen einfachen Kartoffel- oder Wurstsalat oder lebend gefangene Forellen? Wir im Nordelsass schwärmen meist aus in die Winzerhöfe der Pfalz. Edle Tropfen auch als Achtel oder Viertel, der arme Fahrer muss keinen Siff trinken - und mehrfach billiger ist es obendrein. Ambiente gibt's für die Großfamilie genauso wie für den Antiquitätenfreak. Vor allem Gärten, Gärten, Gärten.
Wir lästern manchmal: Zuerst haben uns die deutschen Touristen die Preise und die Qualität kaputt gemacht, weil sie nicht kritisch waren, jetzt fallen wir bei denen ein wie die Ameisen am Zuckertropfen. Und vielleicht geben sich die elsässischen Wirte dann im Normalpreissegment irgendwann auch wieder ein wenig Mühe?
Dabei können sie kaum etwas für die Preisentwicklung. In französischen Großstädten gab es bereits offene Diebstahlaktionen in Hypermarchés, um darauf aufmerksam zu machen, dass eine französische Familie sich die Lebensmittelpreise kaum noch leisten kann. Von Woche zu Woche fehlt in meinem Einkaufsmarkt ein neues Markenprodukt mit dem Hinweis, man handle noch einen bezahlbaren Preis aus und werde so lange das Produkt nicht mehr führen. Deutsche Billigdiscounter sichern das Leben in Frankreich.
Meine Genießerstraße
Und wir im Grenzland überqueren einmal mehr die Grenze. Neben den Supermärkten hat es mir in der Pfalz ganz speziell das Einkaufen von Frischware angetan. Es gibt da gleich hinter der Grenze eine Route, die ich Genießerstraße nenne. Mindestens einmal im Monat gehe ich auf Tour und kaufe auf Vorrat ein. Wenn ich dann koche, koche ich zu viel und friere Portionen ein - so liebe ich Fastfood. Meine Genießerstraße führt durch Grenzkauderwelsch, Elsässer pflücken dort gerade deutschen Wein und bei einem deutschen Winzer kommen elsässische Trauben ins Fass. Heute nur ein paar Schritte, vor dem Schengener Abkommen brauchten die Winzer noch Sondergenehmigungen für den häufigen Grenzübertritt im Traktor.
Dann fängt irgendwo dahinter das Paradies an, rotbackig leuchten die Äpfel, so weit das Auge reicht. Statt der elenden landschaftsverödenden Maisfelder Obst und Gemüse - so reich kann Natur aussehen. Jedes Dorf ist mit Schildern gespickt, manchmal durch Auslagen untermalt. Man macht mir Mirabellen und Weinbergpfirsiche schmackhaft, die hier Persching heißen. Unzählige Kürbisse leuchten zwischen Kartoffelsäcken und jemand verkauft Wild. An einem andern Hof lockt ein Schild mit Ziegenfleisch und -wurst. Die roten, weißen und blaugrünen Kohlköpfe leuchten wie Edelsteine.
Schaummäuse und feuchter Roggensauerteig
Doch zuerst ist immer mein Bäcker dran. Ich habe ihn zufällig entdeckt, als ich immer der Nase nach fuhr, auf der Suche nach einem authentischen guten Brot ohne Fabrikgeschmack. Dann kam dieses Dorf, in dem ich mich hoffnungslos verfranste und das Gefühl hatte: hier muss ein uriger Bäcker sein. Ein Teigparadies! Natursauerteige, keine Backmischungen - ein Roggensauerteig, wie ich es seit meiner Kindheit nicht mehr gegessen habe. So ein Brot schmeckt auch nach einer Woche noch.
In der Auslage lauern ausgerechnet noch die Süßigkeiten meiner Kindheit, Colaflaschen, Schaummäuse, Lakritzschnecken, Erdbeeren und wie das alles heißen mag. Dahinter werden die Erwachsenen verführt, mit diesen herrlichen traditionellen Kuchen und Torten, die schmecken wie von Oma handgebacken. Zwetschgentorte, ein üppiger Bienenstich, ein Frankfurter Kranz - oder Nusszopf, den man zerpflücken kann, so feucht-leicht zieht der Hefeteil in der Hand. Noch ein Tiefkühlfach: Brot, wenn das Baguette mal wieder zu den Ohren herauskommt.
Kürbiskenntnisse
Anschließend geht's zum Riechen und Fühlen beim Bauern. Die roten Kartoffeln, die ich so liebe, sind noch ganz erdig, die Weinbergpfirsiche haben einen hellen Pelz. Es duftet die Gute Luise, eine Birnensorte, die man auf europäischen Normmärkten auch seltener findet. Und dann habe ich mir - als Laie in der Pfalz - gleich eine Kürbisberatung geholt. Denn so viele unterschiedliche Sorten kenne ich nicht. Heimgebracht habe ich mir ein honigbeiges birnenförmiges Etwas, das so schmecken soll, wie es aussieht: nach Honig und Nüssen. Viel zu schade für eine Suppe, den könne man wie Schnitzel in guter Butter braten. Gute Butter, sonst nichts, das empfahl auch die Bäckerin auf das Vollkornbrot.
Und immer wieder bin ich überrascht, wie viel frische und einwandfreie Ware ich für wie wenig Geld mit nach Hause bringe, wie wohlschmeckend die Küche nach Jahreszeiten ist, wie abwechslungsreich. Auf der Heimfahrt sehe ich sie ernten und pflücken, was bei mir auf den Tisch kommt - und das schmeckt gleich noch mal so gut. Da wird nicht unreif gepflückt und ewig in Schiffscontainern durch die halbe Welt verschifft, das Gemüse ist frisch vom Acker.
Das gewisse Etwas
Wer so viel spart, lässt sich dann auch verführen zu noch einem Genuß. Ich bin gespannt, ich kann es noch nicht glauben, aber die Bäuerin versicherte mir, dass der Sauerkirschlikör in Sekt jeden Kir Royal vergessen lasse. Denn auch das ist Pfalz: allenthalben stolpert man über feine Weine, herzhaft Selbstgebranntes und edle Wässerchen, selbst Sekt.
Morgen ist dann Frankreich dran, für Kaffee und Rohrzucker und Käse und all das, was man auf der anderen Seite der Grenze nicht so kennt. Kein Wunder, dass ich mir das Leben in einem Binnenland nicht mehr vorstellen mag und mich schmunzelnd erinnere, wie wir solche Sachen früher mühsam und gefahrvoll über die grüne Grenze schmuggeln mussten. Nie werde ich die Ente vergessen, die wir wegen unserer Abi-Fete im Zollgrenzbezirk mit neun Leuten füllten. Vor der Grenze stieg die Belegschaft aus und lief zu Fuß über die Rheinbrücke. Hinten stiegen alle wieder ein. Denn man durfte nur drei Flaschen Sekt pro Kopf kaufen. Da hat sich zum Glück viel getan, vor der Sektfabrik in Wissembourg laden inzwischen auch polnische Laster Paletten auf.
Europäisch wird es auch am Wochenende, ich bekoche Gäste aus Deutschland und Südfrankreich und bin gespannt auf die Gesichter, wenn ich zur Pfälzer Frischware afrikanischen Wein kredenzen werde...
27.08.09
La rentree und Ferientermine
Weil öfter hier vergeblich gesucht wird: La rentrée, die Wiederaufnahme des normalen Lebens in Frankreich, findet heuer am 3. September statt. Alle Ferientermine fürs ganze Land gibt es hier, das Elsass liegt in der Zone B. Und bis zu diesem Tag gilt erst einmal verschärftes Feiern und Vorbereiten auf den Schulanfang! Und natürlich steigen kurz vor Ferienende wie in allen Ländern die Benzinpreise...
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Elsass
21.08.09
Theaterfestival im Nordelsass
Wie bringt man Kultur aufs platte Land?
Wenn die Autorin nicht schreibt, widmet sie sich gern einer anderen Leidenschaft: dem Theater. So bin ich in den Verein "Sur les Sentiers du Théâtre" gekommen, der sich einer verrückten Sisyphosarbeit widmet: Ein ländliches Milieu mit dem Theatervirus zu impfen, das mit Kultur eher nicht liebäugelt. Ich erzählte bereits von einer Amtsperson, die "culture" ernsthaft für eine neue Form von "agriculture" hielt... Traditionell ist das Nordelsass in Richtung Grenze in der Tat von der Landwirtschaft und von Arbeitern geprägt, Intellektuelle und Künstler existieren zwar sehr vereinzelt, leben aber eher zurückgezogen - verglichen mit dem, was sich auf deutscher Seite entwickelt hat.
Dieser Verein von Theaterbegeisterten hat sich deshalb auf die Fahne geschrieben, erstens die Landbevölkerung in die Theater der Städte zu bringen - und zweitens das Theater aufs Land zu holen. Wichtig ist uns dabei das Publikum von morgen - denn Kunstbegeisterung fängt im frühen Kindesalter an. Das Ganze soll außerdem nicht auf Hobbyniveau ablaufen, sondern dauerhaft die Qualität der ländlichen Kulturhäuser stärken und wiedererkennbare Strukturen schaffen.
Der Theaterverein im Nordelsass
Theater lebt aber nur - oder belebt eine Region, wenn es soziale Bindungen zur Bevölkerung gibt, wenn die Menschen einen "Sinn" für ihr eigenes Leben erkennen. Deshalb liegt uns der Austausch zwischen Künstlern und Zuschauern sehr am Herzen. Wir veranstalten Busfahrten vom Land in die faszinierenden unabhängigen Theater in Strasbourg und können dank Sponsoring durch offizielle Stellen einen preisgünstigen Abend anbieten. Die Zuschauer haben das Vergnügen, chauffiert zu werden und ihre Emotionen nicht nur mit Gleichgesinnten teilen zu können, sondern auch mit Schauspielern oder Regisseuren zu sprechen.
Die geben auf dem Land nicht nur Gastspiele, sondern veranstalten auch Workshops und Trainings für Schüler wie Erwachsene. Das Herbstfestival feiert diese Zusammenarbeit. Ein besonderes Projekt zur Verankerung der Theaterkunst in der Bevölkerung ist das Spiel bei Privatpersonen. Wir vermitteln Menschen, die für einen Abend einen Raum bei sich zur Verfügung stellen wollen, die passenden Schauspieler oder Theatergruppen - so ein Theaterabend bei "Nachbars" ist ein unvergessliches Erlebnis für alle Beteiligten. Besonders die "kleine Kunst" wird dabei gefördert.
Grenzüberschreitungen
Sisyphos beackert allerdings nicht nur den eigenen Berg, sondern orientiert sich zunehmend zweisprachig und grenzüberschreitend. Die szenische Lesung "Frontières- Grenzen" als abendfüllendes Programm, gelesen von Profis und geschulten Laien, ist im letzten Jahr entstanden. Zuerst wurden hüben und drüben vom Rhein Interviews mit der Bevölkerung zum Thema "Grenzen" geführt, dann zu einem Stück bearbeitet und (von mir) ins Deutsche übersetzt. Diese spannende Lesung, bei der Erinnerungen, Emotionen und Diskussionsbedarf entstehen, tourte bereits erfolgreich im deutsch-französischen Grenzgebiet und darf jederzeit angefordert werden! Und beim diesjährigen Festival haben wir ein deutsch-französisches Stück für Zuschauer ab 3 Jahren.
Veranstaltungstipps
Herbstfestival Les Sentiers du Théâtre
ab 19. September 2009 (Programm und Zeiten siehe Link)
19.9. in Seltz
20.9. in Hohwiller
21./22./23.10. in Soultz-sous-Forets
17./18.11. in Surbourg
außerdem im November in Buhl, Siegen, Keffenach, Eberbach
und am 18.12. in Beinheim
Die Termine und Orte für "Frontières- Grenzen" gebe ich rechtzeitig bekannt. Haben Sie in Elsass, Baden oder Pfalz einen geeigneten Auftrittsort, interessieren Sie sich für Grenzüberschreitungen, dann kommt das Programm auch zu Ihnen, auf Deutsch oder Französisch. Fragen Sie in beiden Sprachen an, die Kontaktemail und Telefonnummer finden Sie hier am Ende der Seite.
Der Eintritt für die meisten Veranstaltungen ist frei - nur müssen manchmal Plätze reserviert werden, z.B. bei den Aufführungen in Privaträumen.
Meine Geheimtipps:
Die Compagnie Médiane (21./22.10. in der Saline in Soultz) bietet mit "Pluie" Theater für die Allerkleinsten ab 16 Monaten. Mit viel Musik und Farben wird in diesem Spektakel das Thema Regen erfahren und zum Staunen verführt. Ich selbst habe die Idee, schon die Allerkleinsten für Theater zu begeistern, in Frankreich kennen gelernt, und finde, sie eignet sich auch hervorragend für neugierige Erwachsene, die so wenig Französisch sprechen wie ein Kleinkind. Eine wunderbare Gelegenheit, Alters- und Sprachgrenzen zu überwinden.
Das geht auch am 17. und 18.11. in Surbourg, wenn Anke Scholtz ihr zweisprachiges Programm "Ich sehe was, was du nicht siehst" präsentiert (ab 3 Jahren). Madame Blanche / Frau Weiß lebt in ihrer stillen, weißen Welt völlig ungestört und zufrieden, bis sich plözlich ihr schwarzer Schatten erhebt. Sie hätte nie geahnt, welche Farbenwelt ihr der Schatten näherbringt...
Man sieht sich!
Wenn die Autorin nicht schreibt, widmet sie sich gern einer anderen Leidenschaft: dem Theater. So bin ich in den Verein "Sur les Sentiers du Théâtre" gekommen, der sich einer verrückten Sisyphosarbeit widmet: Ein ländliches Milieu mit dem Theatervirus zu impfen, das mit Kultur eher nicht liebäugelt. Ich erzählte bereits von einer Amtsperson, die "culture" ernsthaft für eine neue Form von "agriculture" hielt... Traditionell ist das Nordelsass in Richtung Grenze in der Tat von der Landwirtschaft und von Arbeitern geprägt, Intellektuelle und Künstler existieren zwar sehr vereinzelt, leben aber eher zurückgezogen - verglichen mit dem, was sich auf deutscher Seite entwickelt hat.
Dieser Verein von Theaterbegeisterten hat sich deshalb auf die Fahne geschrieben, erstens die Landbevölkerung in die Theater der Städte zu bringen - und zweitens das Theater aufs Land zu holen. Wichtig ist uns dabei das Publikum von morgen - denn Kunstbegeisterung fängt im frühen Kindesalter an. Das Ganze soll außerdem nicht auf Hobbyniveau ablaufen, sondern dauerhaft die Qualität der ländlichen Kulturhäuser stärken und wiedererkennbare Strukturen schaffen.
Der Theaterverein im Nordelsass
Theater lebt aber nur - oder belebt eine Region, wenn es soziale Bindungen zur Bevölkerung gibt, wenn die Menschen einen "Sinn" für ihr eigenes Leben erkennen. Deshalb liegt uns der Austausch zwischen Künstlern und Zuschauern sehr am Herzen. Wir veranstalten Busfahrten vom Land in die faszinierenden unabhängigen Theater in Strasbourg und können dank Sponsoring durch offizielle Stellen einen preisgünstigen Abend anbieten. Die Zuschauer haben das Vergnügen, chauffiert zu werden und ihre Emotionen nicht nur mit Gleichgesinnten teilen zu können, sondern auch mit Schauspielern oder Regisseuren zu sprechen.
Die geben auf dem Land nicht nur Gastspiele, sondern veranstalten auch Workshops und Trainings für Schüler wie Erwachsene. Das Herbstfestival feiert diese Zusammenarbeit. Ein besonderes Projekt zur Verankerung der Theaterkunst in der Bevölkerung ist das Spiel bei Privatpersonen. Wir vermitteln Menschen, die für einen Abend einen Raum bei sich zur Verfügung stellen wollen, die passenden Schauspieler oder Theatergruppen - so ein Theaterabend bei "Nachbars" ist ein unvergessliches Erlebnis für alle Beteiligten. Besonders die "kleine Kunst" wird dabei gefördert.
Grenzüberschreitungen
Sisyphos beackert allerdings nicht nur den eigenen Berg, sondern orientiert sich zunehmend zweisprachig und grenzüberschreitend. Die szenische Lesung "Frontières- Grenzen" als abendfüllendes Programm, gelesen von Profis und geschulten Laien, ist im letzten Jahr entstanden. Zuerst wurden hüben und drüben vom Rhein Interviews mit der Bevölkerung zum Thema "Grenzen" geführt, dann zu einem Stück bearbeitet und (von mir) ins Deutsche übersetzt. Diese spannende Lesung, bei der Erinnerungen, Emotionen und Diskussionsbedarf entstehen, tourte bereits erfolgreich im deutsch-französischen Grenzgebiet und darf jederzeit angefordert werden! Und beim diesjährigen Festival haben wir ein deutsch-französisches Stück für Zuschauer ab 3 Jahren.
Veranstaltungstipps
Herbstfestival Les Sentiers du Théâtre
ab 19. September 2009 (Programm und Zeiten siehe Link)
19.9. in Seltz
20.9. in Hohwiller
21./22./23.10. in Soultz-sous-Forets
17./18.11. in Surbourg
außerdem im November in Buhl, Siegen, Keffenach, Eberbach
und am 18.12. in Beinheim
Die Termine und Orte für "Frontières- Grenzen" gebe ich rechtzeitig bekannt. Haben Sie in Elsass, Baden oder Pfalz einen geeigneten Auftrittsort, interessieren Sie sich für Grenzüberschreitungen, dann kommt das Programm auch zu Ihnen, auf Deutsch oder Französisch. Fragen Sie in beiden Sprachen an, die Kontaktemail und Telefonnummer finden Sie hier am Ende der Seite.
Der Eintritt für die meisten Veranstaltungen ist frei - nur müssen manchmal Plätze reserviert werden, z.B. bei den Aufführungen in Privaträumen.
Meine Geheimtipps:
Die Compagnie Médiane (21./22.10. in der Saline in Soultz) bietet mit "Pluie" Theater für die Allerkleinsten ab 16 Monaten. Mit viel Musik und Farben wird in diesem Spektakel das Thema Regen erfahren und zum Staunen verführt. Ich selbst habe die Idee, schon die Allerkleinsten für Theater zu begeistern, in Frankreich kennen gelernt, und finde, sie eignet sich auch hervorragend für neugierige Erwachsene, die so wenig Französisch sprechen wie ein Kleinkind. Eine wunderbare Gelegenheit, Alters- und Sprachgrenzen zu überwinden.
Das geht auch am 17. und 18.11. in Surbourg, wenn Anke Scholtz ihr zweisprachiges Programm "Ich sehe was, was du nicht siehst" präsentiert (ab 3 Jahren). Madame Blanche / Frau Weiß lebt in ihrer stillen, weißen Welt völlig ungestört und zufrieden, bis sich plözlich ihr schwarzer Schatten erhebt. Sie hätte nie geahnt, welche Farbenwelt ihr der Schatten näherbringt...
Man sieht sich!
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Hochkarätige Konzerte
Musik sprengt bekanntlich Grenzen und ist jenseits aller Sprachen zu verstehen. Deshalb findet man meinen folgenden Geheimtipp auch in einer Grenzregion, die sich gleich doppelt der Grenzüberschreitung widmet: Wissembourg im Elsass und Bad Bergzabern in der Pfalz sind sonst nicht unbedingt als Zentren klassischer Musik bekannt. Einmal im Jahr allerdings geben sich in diesem eher ländlich-gemütlichen Milieu international bekannte Musiker die Klinke in die Hand, für die man sonst in Metropolen reisen muss.
Festival International de Musique heißt es in Wissembourg / Weißenburg - und findet vom 28.8.2009 bis 13.9.2009 statt. Auf der anderen Seite der Grenze, in Bad Bergzabern, startet in Kooperation der Internationale Klavierherbst vom 25.9.2009 bis 23.10.2009 (jeweils freitags).
In Wissembourg werden so renommierte Musiker zu hören sein wie das Atrium Quartett aus Sankt Petersburg, Ilya Gringolts oder der amerikanische Pianist David Saliamonas.
In Bad Bergzabern stellen Künstler ihre eigenen Lieblingsstücke vor und zeigen als Schwerpunkt klassische Entwicklungen aus Lateinamerika und lateinamerikanische Interpretationen europäischer Komponisten.
Einen mehrsprachigen Online-Vorverkauf für das Festival in Wissembourg gibt es leider nicht (nur französisch über FNAC), ermäßigte Abonnements sind in Wissembourg zu haben (Infos), Karten aber auch an der Abendkasse.
Und einen Vorteil hat "Provinz": Die Eintrittspreise sind derart erschwinglich, dass man gleich mehrere Konzerte besuchen kann. Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre haben freien Eintritt.
Ich kann den Genuss nur empfehlen!
Festival International de Musique heißt es in Wissembourg / Weißenburg - und findet vom 28.8.2009 bis 13.9.2009 statt. Auf der anderen Seite der Grenze, in Bad Bergzabern, startet in Kooperation der Internationale Klavierherbst vom 25.9.2009 bis 23.10.2009 (jeweils freitags).
In Wissembourg werden so renommierte Musiker zu hören sein wie das Atrium Quartett aus Sankt Petersburg, Ilya Gringolts oder der amerikanische Pianist David Saliamonas.
In Bad Bergzabern stellen Künstler ihre eigenen Lieblingsstücke vor und zeigen als Schwerpunkt klassische Entwicklungen aus Lateinamerika und lateinamerikanische Interpretationen europäischer Komponisten.
Einen mehrsprachigen Online-Vorverkauf für das Festival in Wissembourg gibt es leider nicht (nur französisch über FNAC), ermäßigte Abonnements sind in Wissembourg zu haben (Infos), Karten aber auch an der Abendkasse.
Und einen Vorteil hat "Provinz": Die Eintrittspreise sind derart erschwinglich, dass man gleich mehrere Konzerte besuchen kann. Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre haben freien Eintritt.
Ich kann den Genuss nur empfehlen!
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13.07.09
Grenzverkehr extrem gestört
Wer im Norden über die deutsch-französische Grenze muss, wird wie ich öfter nach schlimmsten Flüchen suchen. Es ist, als hätten die zuständigen Behörden absichtlich alle Baustellen und Kataströphchen auf die gleichen Termine gelegt und sich um Abhilfe nicht gekümmert. Dabei handelt es sich außerdem im Fall der Iffezheimer Staustufe um eine Dauerbaustelle bis 2012 und im Fall von Maxau um eine Baustelle, die man zeitlich hätte besser legen können. Nun ja, zwei verschiedene Bundesländer, da fällt Koordination im europäischen Gesamtraum schon mal schwer...
Meine eigene Erfahrung: Meiden Sie, wenn es geht, die Stoßzeiten, vor allem zu den Schichtwechseln der angrenzenden Großfabriken wie Mercedes in Rastatt. Geraten Sie trotzdem in den Stau, wappnen Sie sich mit Geduld und einem guten Buch, denn auf der Rheinbrücke Wintersdorf können bei entgegenkommendem Verkehr auch Fahrräder kaum überholt werden.
Leider sind die Zeitangaben des Regierungspräsidiums für die Vollsperrungen nicht immer korrekt. Ich habe jetzt schon zwei Vollsperrungen auf der Staustufe Iffezheim erlebt, die im Zeitplan nicht angegeben waren. Die Straßenschilder, die davor warnen sollen, sind leider so knapp davor aufgestellt, dass man nur unter Mühen Umleitungen zurück findet. Auch hier würde ich mir mehr Europa wünschen - nämlich eine Warnung schon dort, wo man noch bequem zu einem Ausweichübergang fahren kann.
Nehmen wir es positiv: Diese Zeit lehrt uns auch, wie eng wir bereits zusammen gewachsen sind hüben und drüben vom Rhein - und wie notwendig offene Grenzübergänge für einen lebendigen europäischen Austausch sind. Vielleicht lernen ja auch einmal irgendwann die Politiker von Frankreich, Baden und der Pfalz, sich in einer konzertierten Aktion zusammen zu setzen und endlich die zusätzliche Rheinbrücke zu schaffen, deren Pläne seit vielen Jahren immer wieder von einem der drei Länder behindert werden. Sie würde auch ohne die derzeitigen Baustellen eine wichtige ökonomische und kulturelle Region im Verkehr entlasten!
Und so schön die versenkten Milliönchen als Investition in das Museumsstück Rheinfähre Plittersdorf-Beinheim waren - wenn das Ding wieder nicht funktioniert, wäre eine Fußgänger-Radfahrer-Brücke vielleicht sinnvoller gewesen. Aber diesen Slapstick erlebe ich, wie gesagt, seit meiner Kindheit - das ist also auch schon irgendwie Museum...
- Kurzum, wer nicht über den Rhein schwimmen kann, muss beim Grenzübergang Iffezheim mit einspuriger Fahrbahn, schweren Behinderungen und zeitweise Vollsperrungen rechnen. Fahrräder und Fußgänger sind überhaupt nicht mehr erlaubt.
- Ähnlich lustig sieht es bei der Rheinbrücke Maxau aus, deren Behinderungen noch durch Baustellen in Richtung Kandel aufgepeppt werden.
- Die Fähre Plittersdorf-Beinheim fällt nicht nur wie früher bei Nebel aus, sie fährt überhaupt nicht. Man verspricht Abhilfe, aber das verspricht man schon seit meiner Kindheit immer wieder vergeblich.
- Die Rheinbrücke Wintersdorf nimmt als altes, enges Nadelöhr darum den gesamten Verkehr des Umlands auf und ist die einzige mögliche Strecke für Fußgänger und Fahrradfahrer. Eben ist sie notdürftig aufgepflastert worden, sollte aber nur wirklich langsam befahren werden. Vor allem die Naht auf der französischen Seite zum Festland ist eine Freude für die Stoßdämpfer. Wegen der Schienen und des schmalen Fahrstreifens kann sie gerade für Fahrradfahrer und Fußgänger lebensgefährlich sein!
- Der Fernverkehr wird über Gambsheim geleitet.
Meine eigene Erfahrung: Meiden Sie, wenn es geht, die Stoßzeiten, vor allem zu den Schichtwechseln der angrenzenden Großfabriken wie Mercedes in Rastatt. Geraten Sie trotzdem in den Stau, wappnen Sie sich mit Geduld und einem guten Buch, denn auf der Rheinbrücke Wintersdorf können bei entgegenkommendem Verkehr auch Fahrräder kaum überholt werden.
Leider sind die Zeitangaben des Regierungspräsidiums für die Vollsperrungen nicht immer korrekt. Ich habe jetzt schon zwei Vollsperrungen auf der Staustufe Iffezheim erlebt, die im Zeitplan nicht angegeben waren. Die Straßenschilder, die davor warnen sollen, sind leider so knapp davor aufgestellt, dass man nur unter Mühen Umleitungen zurück findet. Auch hier würde ich mir mehr Europa wünschen - nämlich eine Warnung schon dort, wo man noch bequem zu einem Ausweichübergang fahren kann.
Nehmen wir es positiv: Diese Zeit lehrt uns auch, wie eng wir bereits zusammen gewachsen sind hüben und drüben vom Rhein - und wie notwendig offene Grenzübergänge für einen lebendigen europäischen Austausch sind. Vielleicht lernen ja auch einmal irgendwann die Politiker von Frankreich, Baden und der Pfalz, sich in einer konzertierten Aktion zusammen zu setzen und endlich die zusätzliche Rheinbrücke zu schaffen, deren Pläne seit vielen Jahren immer wieder von einem der drei Länder behindert werden. Sie würde auch ohne die derzeitigen Baustellen eine wichtige ökonomische und kulturelle Region im Verkehr entlasten!
Und so schön die versenkten Milliönchen als Investition in das Museumsstück Rheinfähre Plittersdorf-Beinheim waren - wenn das Ding wieder nicht funktioniert, wäre eine Fußgänger-Radfahrer-Brücke vielleicht sinnvoller gewesen. Aber diesen Slapstick erlebe ich, wie gesagt, seit meiner Kindheit - das ist also auch schon irgendwie Museum...
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06.07.09
Das kleine Übel nach dem café
Madame ist heute wieder einmal als Übersetzerin unterwegs. Dabei lerne ich karambolagemäßig Erstaunliches über die beiden Nachbarländer am Rhein. Etwa über deren Umgang mit Geld. Zu Helmut Kohls Zeiten transportierte man es rechts vom Rhein noch in schwarzen Koffern und ebenso einfallslos schmuggelten Elsässer in diesem Behältnis Devisen in die Schweiz.
Seit die Banken und die Wirtschaft kriseln, ist das kleine Managerköfferchen zumindest sprachlich abgeschafft.
Die Deutschen stopfen Geld jetzt in große Finanzpakete, die so überladen sind, dass man sie schnüren muss. Franzosen dagegen legen Budgets elegant in einen Umschlag (l'enveloppe budgétaire).
Das erinnert mich an die Anfänge meines Französischlernens, als ich noch glaubte, man verlange nach dem Café in einem Restaurant eine bessere Diktion der Speisekarte (la diction). Stattdessen ging es wirklich nur um schnöden Mammon: l'addition.
Während nämlich der deutsche Gast unsensibel nach der Rechnung ruft oder "zahlen bittäh!", gern auch direkt übersetzt: "la facture!" gehen Franzosen das kleine Übel nach einem Festessen im Restaurant dekorativ und diskret an. Korrekt sagt man nämlich: "L'addition s.v.p." L'addition ist das Zusammengezählte, aber auch das kleine Anhängsel - wie der Keks zum Café. Ebenso dezent wie bei der Budgetverteilung legt man deshalb Kreditkarte oder Geld auf einem Tellerchen unter die Rechnung, nicht obenauf.
Madame geht jetzt wieder an ihre traduction, die eine Menge diction verlangt, aber am Ende keine addition, sondern eine facture. Für ein Finanzpaket reicht das zwar nicht, aber für die nächste addition und das Finanzamt, das in Frankreich ein "Zentrum für Steuern" ist (Centre des impôts). Das Paket aller Pakete sozusagen.
Seit die Banken und die Wirtschaft kriseln, ist das kleine Managerköfferchen zumindest sprachlich abgeschafft.
Die Deutschen stopfen Geld jetzt in große Finanzpakete, die so überladen sind, dass man sie schnüren muss. Franzosen dagegen legen Budgets elegant in einen Umschlag (l'enveloppe budgétaire).
Das erinnert mich an die Anfänge meines Französischlernens, als ich noch glaubte, man verlange nach dem Café in einem Restaurant eine bessere Diktion der Speisekarte (la diction). Stattdessen ging es wirklich nur um schnöden Mammon: l'addition.
Während nämlich der deutsche Gast unsensibel nach der Rechnung ruft oder "zahlen bittäh!", gern auch direkt übersetzt: "la facture!" gehen Franzosen das kleine Übel nach einem Festessen im Restaurant dekorativ und diskret an. Korrekt sagt man nämlich: "L'addition s.v.p." L'addition ist das Zusammengezählte, aber auch das kleine Anhängsel - wie der Keks zum Café. Ebenso dezent wie bei der Budgetverteilung legt man deshalb Kreditkarte oder Geld auf einem Tellerchen unter die Rechnung, nicht obenauf.
Madame geht jetzt wieder an ihre traduction, die eine Menge diction verlangt, aber am Ende keine addition, sondern eine facture. Für ein Finanzpaket reicht das zwar nicht, aber für die nächste addition und das Finanzamt, das in Frankreich ein "Zentrum für Steuern" ist (Centre des impôts). Das Paket aller Pakete sozusagen.
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02.07.09
Russische Eier
Wer ab meiner Generation kennt sie nicht aus den Wirtschaften der Kindheit, die leckeren, sättigenden und nach modernen Gesichtspunkten angeblich ach so ungesunden russischen Eier! Eine Freundin serviert sie mir heute abend und schon am Telefon schwärmten wir von den Hälften hartgekochter Eier, die sich in einem in Mayonnaise ertrinkenden Salat aus allerlei Dosenfutter versteckten, gekrönt von grellfarbenem falschem Kaviar und billigem Lachsersatz, der damals leuchtend orange in Büchsen verkauft wurde.
Wahrscheinlich schmeckt das nur Menschen, die damit aufgewachsen sind, die es als Belohnung für den Spaziergang bekamen, oder wenn die Eltern sich das rare Ausgehen mit der Kinderschar leisten konnten. Dabei sind die Retro-Speisen aus den 60ern und 70ern wieder am Kommen und bereits ARTE hat in Sachen Nudelsalat festgestellt: Stammt das Gemüse nicht aus der Dose, ist die Mayonnaise nicht wirklich vollfett, dann schmeckt es einfach nicht wie damals.
Um die Russischen Eier ranken Mythen. Zum einen sind sie so ungesund gar nicht. Moderne Studien haben herausgefunden, das die Angst des "Cholesterikers" vor dem Eigelb ein hysterischer Hype war, an dem eine ganze Industrie cholesterinsenkender Nahrungsergänzungsmittel kräftig verdiente. Zugegeben, Mayonnaise hat nicht wenig Kalorien und sollte nicht täglich auf dem Speiseplan stehen. Aber wer futtert schon jeden Tag Sahnetorten?
Nur eines wusste man bereits damals: Im Sommer gehört diese Speise sofort in den Kühlschrank gestellt und aus diesem sofort serviert. Mayonnaise verdirbt bei Hitze schnell. Eigentlich sind die Russischen Eier ja ein Winteressen, wurden traditionell als üppige Vorspeise, als kaltes Abendbrot oder auf dem Partybuffet angeboten - ideale Unterlage für einen alkoholreichen Abend. Ob man sie deshalb russisch nannte? Oder wegen des falschen Kaviars? Das ließ sich nie klären.
Denn die Russischen Eier sind gar nicht russisch, wie so vieles. Manche bezeichnen lediglich gefüllte Eihälften so, aber das originale Partyessen von damals sind hartgekochte Eier auf einem französischen Salat, für den man in Frankreich die Mayonnaise sogar mit der Hand frisch aufschlägt. In diesem Rezept kann man das im Titel sogar sehen - wobei jenes dem am nächsten kommt, was ich aus meiner Kindheit kenne. Im Badischen servierte man sie allerdings auch auf einem Fleischsalat.
Waren sie im Badischen deshalb so beliebt, weil das Rezept nur über den Rhein hüpfen musste? Kennt man eigentlich Russische Eier in der Pfalz? Im Elsass findet man sie - inzwischen sehr selten - in alteingesessenen Familienrestaurants. Den Salat, unter dem hier die Eier in Aspik liegen, nennt man übrigens links des Rheins Italienischen Salat.
In diesem Sinne - ein russisch-deutsch-französisch-elsässisch-italienisches europäisches Guten Appetit!
Wahrscheinlich schmeckt das nur Menschen, die damit aufgewachsen sind, die es als Belohnung für den Spaziergang bekamen, oder wenn die Eltern sich das rare Ausgehen mit der Kinderschar leisten konnten. Dabei sind die Retro-Speisen aus den 60ern und 70ern wieder am Kommen und bereits ARTE hat in Sachen Nudelsalat festgestellt: Stammt das Gemüse nicht aus der Dose, ist die Mayonnaise nicht wirklich vollfett, dann schmeckt es einfach nicht wie damals.
Um die Russischen Eier ranken Mythen. Zum einen sind sie so ungesund gar nicht. Moderne Studien haben herausgefunden, das die Angst des "Cholesterikers" vor dem Eigelb ein hysterischer Hype war, an dem eine ganze Industrie cholesterinsenkender Nahrungsergänzungsmittel kräftig verdiente. Zugegeben, Mayonnaise hat nicht wenig Kalorien und sollte nicht täglich auf dem Speiseplan stehen. Aber wer futtert schon jeden Tag Sahnetorten?
Nur eines wusste man bereits damals: Im Sommer gehört diese Speise sofort in den Kühlschrank gestellt und aus diesem sofort serviert. Mayonnaise verdirbt bei Hitze schnell. Eigentlich sind die Russischen Eier ja ein Winteressen, wurden traditionell als üppige Vorspeise, als kaltes Abendbrot oder auf dem Partybuffet angeboten - ideale Unterlage für einen alkoholreichen Abend. Ob man sie deshalb russisch nannte? Oder wegen des falschen Kaviars? Das ließ sich nie klären.
Denn die Russischen Eier sind gar nicht russisch, wie so vieles. Manche bezeichnen lediglich gefüllte Eihälften so, aber das originale Partyessen von damals sind hartgekochte Eier auf einem französischen Salat, für den man in Frankreich die Mayonnaise sogar mit der Hand frisch aufschlägt. In diesem Rezept kann man das im Titel sogar sehen - wobei jenes dem am nächsten kommt, was ich aus meiner Kindheit kenne. Im Badischen servierte man sie allerdings auch auf einem Fleischsalat.
Waren sie im Badischen deshalb so beliebt, weil das Rezept nur über den Rhein hüpfen musste? Kennt man eigentlich Russische Eier in der Pfalz? Im Elsass findet man sie - inzwischen sehr selten - in alteingesessenen Familienrestaurants. Den Salat, unter dem hier die Eier in Aspik liegen, nennt man übrigens links des Rheins Italienischen Salat.
In diesem Sinne - ein russisch-deutsch-französisch-elsässisch-italienisches europäisches Guten Appetit!
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01.07.09
Grenzüberschreitendes Lesen
"Sie sind Grenzgängerin? - Aber Sie haben doch noch einen Wohnsitz bei uns? - Sie könnten sich doch in Deutschland wieder anmelden?" So oder so ähnlich klingen die Fragen, denen ich mich im deutschen Grenzraum oft stellen muss. Und dann ernte ich fassungslose Blicke, wenn ich sage, dass ich ehrlich und wahrhaftig vor zwanzig Jahren nach Frankreich emigriert bin, mit allen amtlichen Folgen. Dass wir aber freien Personen- und Warenverkehr in Europa hätten, freie Wohnsitzwahl und ein paar andere grenzüberschreitende Freiheiten dazu.
Ich bin also nur eine von Hunderttausenden von Elsässern und Deutschen, die zwar in einem französischsprachigen Land leben, aber ganz gern mal deutsche Bücher lesen. Schlimmer noch: Ich lebe in einem dreisprachigen Land, in dem man lustig vom Französischen ins Elsässische und Deutsche wechselt. Als Autorin habe ich einen Durchsatz an Büchern, den ich längst vom schmalen Künstlerhonorar nicht mehr finanzieren kann. In diesem Beruf liest man zur Fortbildung, als Lehrstoff, zum Beobachten des Marktes, aus Berufskrankheit, aus Lust. Kommen unzählige Bücher für Recherchen hinzu. Hoppla, werden jetzt manche denken, warum geht die Frau nicht in eine Bibliothek - und gut ist?
Das dachte ich mir ursprünglich auch einmal. Nun liegen für mich die deutschen Bibliotheken im Genzraum näher als Strasbourg, aber genau in jenen wurde ich mit obigen Fragen konfrontiert. In so mancher deutschen Bibliothek dürfen offensichtlich nur ordentlich Ortsansässige zahlendes Mitglied werden (Stand vor ein paar Jahren, ich gab dann auf). Das war mir neu, denn Fernleihe von Büchern funktioniert doch auch seit Urzeiten, weltweit. Nur die Leserinnen und Leser dürfen nicht reisen.
Ich habe professionelle Internetrecherche ursprünglich nicht deshalb gelernt, weil ich das besonders spritzig fand. Sondern weil man mir den Zugang zu den Bibliotheken verwehrte (und das Brimborium, jedesmal einen "Forschungsauftrag" o. ä. nachzuweisen - nein danke). Und warum bitte sollte ich mir einen fremden, ungewollten Wohnsitz am Bibliotheksort suchen, nur um Ian Rankin preiswert in meiner Muttersprache lesen zu dürfen?
Die französischen Mediatheken, wahre Genusstempel für unsereins, hätten mir natürlich jedes gewünschte Buch aus den mir verbotenen Bibliotheken sofort verschafft. Per Fernleihe. Aber warum sollte ich für Fernleihe mehr bezahlen, als ich an Benzin in eben jene Bibliothek verfahren würde? Warum sollte ich schmachtend an Bibliotheken vorbeilaufen, wenn ich ohnehin regelmäßig an ihren Standorten Besuche machte (wo andere weniger pingelig waren, meine französischen Euro zu nehmen)?
Ich mache es kurz: Seit gestern hat mein Leiden ein Ende. Ich bin jetzt Nutzerin der Stadtbibliothek in Baden-Baden. Und bin so freundlich aufgenommen worden, dass ich es zuerst kaum glauben konnte! Völlig selbstverständlich dort, dass es Menschen gibt, die im Grenzbereich mal hüben, mal drüben leben. Ich war in einem mehrstöckigen Schlaraffenland deutschsprachigen Lesestoffs ... hoppla, nein, noch viel mehr: da gibt es auch eine russische Bibliothek. Denn auch russische Kunden möchten Bücher lesen und deutschprachige vielleicht Russisch lernen. Es öffneten sich nicht nur die Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland für mich, sondern auch zwischen Ost und West.
Die Bibliothek erinnert mich an einen modernen Turm, inspiriert aus "Der Name der Rose". Ein wenig labyrinthisch, verführerisch, die Entdeckerlaune anstachelnd. Manche Sitzecken könnten selbst aus einem Roman stammen. Etwa der Sessel vor dem Ofen in der Krimiecke. Oder der Platz am alten hohen Fenster mit Blick auf den Kurpark. Man kommt ins Träumen, wie schön es wäre, hier einfach vergessen und eingeschlossen zu werden. Zuerst war die Menge an Büchern so groß, dass ich versagte, mir eines auszusuchen. Dann bin ich wie ein kleines Kind an Weihnachten mit einem fetten Stapel Lesestoff nach Hause gefahren, den ich mir derzeit nie hätte kaufen können. Ich fand sogar auf Anhieb ein Buch, dem ich vergeblich seit Jahren in Antiquariten und im Internet hinterher jage. Dort stand das vergriffene Werk völlig selbstverständlich im Regal.
Noch schöner: Die Mitarbeiterinnen haben mir eine neue Recherchequelle für meinen Nijinsky erschlossen. Demnächst kann ich mich ihm via Microfiche an die Fersen heften. Denn das, was ich recherchieren möchte, ist auch im Internet mit all seinen Neuerungen nicht möglich.
Meinen ganz herzlichen Dank an Frau Münch, die Leiterin der Stadtbibliothek, und an die super freundlichen Mitarbeiterinnen, die Leselust vermitteln, dass es Spaß macht - insbesondere an die hilfreiche Angestellte bei der Auskunft - und die "Frau mit den Traubenzuckern", die mich damit vor einem Termin aufgemöbelt hat.
Baden-Badener, falls Ihr Eure Stadtbibliothek noch nicht kennt: nichts wie hin, sie liegt mitten in der Fußgängerzone! Vielleicht trifft man sich ja mal...
Ansonsten: Grenzüberschreitende Leselust-Aktionen statt Leseverhinderung - das wäre doch mal ein europäisches Thema?
Ich bin also nur eine von Hunderttausenden von Elsässern und Deutschen, die zwar in einem französischsprachigen Land leben, aber ganz gern mal deutsche Bücher lesen. Schlimmer noch: Ich lebe in einem dreisprachigen Land, in dem man lustig vom Französischen ins Elsässische und Deutsche wechselt. Als Autorin habe ich einen Durchsatz an Büchern, den ich längst vom schmalen Künstlerhonorar nicht mehr finanzieren kann. In diesem Beruf liest man zur Fortbildung, als Lehrstoff, zum Beobachten des Marktes, aus Berufskrankheit, aus Lust. Kommen unzählige Bücher für Recherchen hinzu. Hoppla, werden jetzt manche denken, warum geht die Frau nicht in eine Bibliothek - und gut ist?
Das dachte ich mir ursprünglich auch einmal. Nun liegen für mich die deutschen Bibliotheken im Genzraum näher als Strasbourg, aber genau in jenen wurde ich mit obigen Fragen konfrontiert. In so mancher deutschen Bibliothek dürfen offensichtlich nur ordentlich Ortsansässige zahlendes Mitglied werden (Stand vor ein paar Jahren, ich gab dann auf). Das war mir neu, denn Fernleihe von Büchern funktioniert doch auch seit Urzeiten, weltweit. Nur die Leserinnen und Leser dürfen nicht reisen.
Ich habe professionelle Internetrecherche ursprünglich nicht deshalb gelernt, weil ich das besonders spritzig fand. Sondern weil man mir den Zugang zu den Bibliotheken verwehrte (und das Brimborium, jedesmal einen "Forschungsauftrag" o. ä. nachzuweisen - nein danke). Und warum bitte sollte ich mir einen fremden, ungewollten Wohnsitz am Bibliotheksort suchen, nur um Ian Rankin preiswert in meiner Muttersprache lesen zu dürfen?
Die französischen Mediatheken, wahre Genusstempel für unsereins, hätten mir natürlich jedes gewünschte Buch aus den mir verbotenen Bibliotheken sofort verschafft. Per Fernleihe. Aber warum sollte ich für Fernleihe mehr bezahlen, als ich an Benzin in eben jene Bibliothek verfahren würde? Warum sollte ich schmachtend an Bibliotheken vorbeilaufen, wenn ich ohnehin regelmäßig an ihren Standorten Besuche machte (wo andere weniger pingelig waren, meine französischen Euro zu nehmen)?
Ich mache es kurz: Seit gestern hat mein Leiden ein Ende. Ich bin jetzt Nutzerin der Stadtbibliothek in Baden-Baden. Und bin so freundlich aufgenommen worden, dass ich es zuerst kaum glauben konnte! Völlig selbstverständlich dort, dass es Menschen gibt, die im Grenzbereich mal hüben, mal drüben leben. Ich war in einem mehrstöckigen Schlaraffenland deutschsprachigen Lesestoffs ... hoppla, nein, noch viel mehr: da gibt es auch eine russische Bibliothek. Denn auch russische Kunden möchten Bücher lesen und deutschprachige vielleicht Russisch lernen. Es öffneten sich nicht nur die Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland für mich, sondern auch zwischen Ost und West.
Die Bibliothek erinnert mich an einen modernen Turm, inspiriert aus "Der Name der Rose". Ein wenig labyrinthisch, verführerisch, die Entdeckerlaune anstachelnd. Manche Sitzecken könnten selbst aus einem Roman stammen. Etwa der Sessel vor dem Ofen in der Krimiecke. Oder der Platz am alten hohen Fenster mit Blick auf den Kurpark. Man kommt ins Träumen, wie schön es wäre, hier einfach vergessen und eingeschlossen zu werden. Zuerst war die Menge an Büchern so groß, dass ich versagte, mir eines auszusuchen. Dann bin ich wie ein kleines Kind an Weihnachten mit einem fetten Stapel Lesestoff nach Hause gefahren, den ich mir derzeit nie hätte kaufen können. Ich fand sogar auf Anhieb ein Buch, dem ich vergeblich seit Jahren in Antiquariten und im Internet hinterher jage. Dort stand das vergriffene Werk völlig selbstverständlich im Regal.
Noch schöner: Die Mitarbeiterinnen haben mir eine neue Recherchequelle für meinen Nijinsky erschlossen. Demnächst kann ich mich ihm via Microfiche an die Fersen heften. Denn das, was ich recherchieren möchte, ist auch im Internet mit all seinen Neuerungen nicht möglich.
Meinen ganz herzlichen Dank an Frau Münch, die Leiterin der Stadtbibliothek, und an die super freundlichen Mitarbeiterinnen, die Leselust vermitteln, dass es Spaß macht - insbesondere an die hilfreiche Angestellte bei der Auskunft - und die "Frau mit den Traubenzuckern", die mich damit vor einem Termin aufgemöbelt hat.
Baden-Badener, falls Ihr Eure Stadtbibliothek noch nicht kennt: nichts wie hin, sie liegt mitten in der Fußgängerzone! Vielleicht trifft man sich ja mal...
Ansonsten: Grenzüberschreitende Leselust-Aktionen statt Leseverhinderung - das wäre doch mal ein europäisches Thema?
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29.06.09
zweisprachig - bilingue
Mir wurde häufig kolportiert, dass sich meine Mutter für ihr vierjähriges Mädchen geschämt haben soll. Das lief nämlich mitsamt der besten Freundin äußerlich brav am Händchen mit, unterhielt jedoch die Passanten der Garnisonsstadt mit viel zu lautem, fast theatralischem "Gebabbel". In dieser Stadt, in der einem ständig Franzosen über den Weg liefen, parlierten die beiden Mädchen in einer seltsamen Eingeborenensprache, die geklungen haben soll wie "terötöteh kamirapüh". Die ein oder andere mitleidige Dame soll meine Mutter angelächelt und gesagt haben: "Ach sind die niedlich, die kleinen Französinnen, haben Sie die adoptiert?" Ach, wenn Sprache so einfach gewesen wäre, wir taten ja nur so!
Später hat mich der Schuldirektor vom Französischlernen abgehalten. Der bekam nämlich seinen Kurs für Altgriechisch nicht voll. "Altgriechisch könnt ihr so schnell nicht wieder lernen, Französisch aber gleich über der Grenze!" Wie recht er hatte. Bis heute begegnete mir kein Homer am Rhein. Aber ich hatte wenigstens mein Graecum, das ich wundersamerweise fürs Studium brauchte.
Wenn es denn mit dem Lernen am lebenden Objekt so leicht gewesen wäre! Wieder standen uns die Mütter im Weg. Diesmal meinten sie, uns Teenies von Tanzabenteuern in Zweisprachigkeit abhalten zu müssen. Denn die Franzosen in unserer Stadt hatten einen Nachteil in den Augen von Müttern: Sie waren alle männlich, jung und doch zu alt - und sahen verdammt gut aus. (Später erfuhr ich, dass bei uns vorwiegend Leute aus der Provence stationiert waren.)
Und dann rückten sie ab - und mit ihnen ein großes Stück Kultur. Kein französisches Kino mehr, keine Feste mit Merguez und Baguette, keine erregten Mütter mehr in der Faschingszeit, keine französische literature, culture ... Ich lernte erst wirklich im Land selbst. Nicht von einem Glutäugigen aus dem Süden, sondern mit Donald Ducks lustigen Taschenbüchern und Speisekarten. So richtig flüssig wurde die Sache dann ausgerechnet in Polen. Man wählt immer das kleinere Übel, wenn man wie ein Alien vor einer neuen Sprache steht, die plötzlich klang wie "turtschinsky kamirawü". (Ich gestehe, der Turtschinsky hat dann den Terötöteh überholt).
Kürzlich bekam ich eine Einladung zum Sprachkurs für Neubürger. Schön, dass sie mich nach zwanzig Jahren Frankreich endlich entdeckt haben. Vielleicht sollte ich mal hingehen, um die Sache mit dem le und la und diese Satzkonstruktionen von hinten durchs Auge zu verstehen. Aber mein Nachbar meint, seine Schüler machten viel schlimmere Fehler. Vielleicht sollte ich Grammatik im Twittermodus üben. Kurz, übersichtlich und in einer Minute wieder vergessen.
Drum - sollten sich Ihre Kinder einmal unerlaubterweise in fremden Eingeborenendialekten verständigen, schämen Sie sich nicht, machen Sie mit! Und fahren Sie, so oft sie können, in alle Richtungen über den Rhein, ob mit oder ohne Homer.
Später hat mich der Schuldirektor vom Französischlernen abgehalten. Der bekam nämlich seinen Kurs für Altgriechisch nicht voll. "Altgriechisch könnt ihr so schnell nicht wieder lernen, Französisch aber gleich über der Grenze!" Wie recht er hatte. Bis heute begegnete mir kein Homer am Rhein. Aber ich hatte wenigstens mein Graecum, das ich wundersamerweise fürs Studium brauchte.
Wenn es denn mit dem Lernen am lebenden Objekt so leicht gewesen wäre! Wieder standen uns die Mütter im Weg. Diesmal meinten sie, uns Teenies von Tanzabenteuern in Zweisprachigkeit abhalten zu müssen. Denn die Franzosen in unserer Stadt hatten einen Nachteil in den Augen von Müttern: Sie waren alle männlich, jung und doch zu alt - und sahen verdammt gut aus. (Später erfuhr ich, dass bei uns vorwiegend Leute aus der Provence stationiert waren.)
Und dann rückten sie ab - und mit ihnen ein großes Stück Kultur. Kein französisches Kino mehr, keine Feste mit Merguez und Baguette, keine erregten Mütter mehr in der Faschingszeit, keine französische literature, culture ... Ich lernte erst wirklich im Land selbst. Nicht von einem Glutäugigen aus dem Süden, sondern mit Donald Ducks lustigen Taschenbüchern und Speisekarten. So richtig flüssig wurde die Sache dann ausgerechnet in Polen. Man wählt immer das kleinere Übel, wenn man wie ein Alien vor einer neuen Sprache steht, die plötzlich klang wie "turtschinsky kamirawü". (Ich gestehe, der Turtschinsky hat dann den Terötöteh überholt).
Kürzlich bekam ich eine Einladung zum Sprachkurs für Neubürger. Schön, dass sie mich nach zwanzig Jahren Frankreich endlich entdeckt haben. Vielleicht sollte ich mal hingehen, um die Sache mit dem le und la und diese Satzkonstruktionen von hinten durchs Auge zu verstehen. Aber mein Nachbar meint, seine Schüler machten viel schlimmere Fehler. Vielleicht sollte ich Grammatik im Twittermodus üben. Kurz, übersichtlich und in einer Minute wieder vergessen.
Drum - sollten sich Ihre Kinder einmal unerlaubterweise in fremden Eingeborenendialekten verständigen, schämen Sie sich nicht, machen Sie mit! Und fahren Sie, so oft sie können, in alle Richtungen über den Rhein, ob mit oder ohne Homer.
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21.06.09
Kirschplotzer - Battelmonn - Mendiant
Unlängst bin ich 40 Kilometer gefahren, um einen guten badischen Kirschplotzer zu bekommen. Nein, natürlich bin ich nicht deshalb so weit gefahren, aber dieser Armleutekuchen aus Kinderzeiten ist immer seltener in wirklich guter Qualität zu bekommen. Ob es daran liegt, dass ihn die Leute lieber selbst backen? Scheinbar nicht, denn jüngere Generationen gehen unkompliziert in die nächste Bäckerei und holen sich das, was als Kirschplotzer verkauft wird, aber nie im Leben einer gewesen ist.
Im Idealfall ist es dann ein Blechkuchen mit biskuitartigem Teig und vielen Kirschen, die - ganz wichtig - ihre Kerne behalten haben. Denn auch das gehört zu den Kindheitserinnerungen: Endlich einmal am Tisch hemmunglos spucken zu dürfen; wenn die Erwachsenen wegschauten, in heimlichen Weitspuckwettbewerben. Die Kerne haben natürlich einen Sinn: Die Kirschen bleiben beim Backen knackiger und saftiger, der Kuchen matscht weniger, der Teig geht dadurch besser und eine nicht entkernte Kirsche hat mehr Aroma.
Armleutekuchen bedeutet: Mutter Natur bescherte einem im Überfluss Kirschen, die wie die vorhandenen Küchenreste verwertet werden wollten. Die Zutaten waren billig, immer im Haus zu finden; die Zubereitung einfach und schnell. Der echte alte Kirschplotzer, den die Elsässer Battelmonn (Bettelmann) nennen und die Franzosen im Elsass Mendiant, wird deshalb nicht aus Teig, sondern aus altbackenen Brötchen gemacht.
Hier mein uraltes Privatrezept, das mir mal irgendwer in Jugendzeiten gegeben hat (und wie immer gibt's keine Gewähr, weil ich pi mal Daumen koche!)
Badischer Kirschplotzer
ca. 5 altbackene Milchweck
1/2 l heiße Milch
2 Pfund Süßkirschen mit Kern
125 g gemahlene Mandeln
1 TL Zimt, 1 Messerspritze gemahlene Nelken
Ein tüchtiger Schuss Kirschwasser
4 Eigelb, Schnee von 5-6 Eiweiß
1 TL Backpulver
etwas Puderzucker
Die harten Weck grob zerkleinern, mit der Milch überbrühen und ziehen lassen. Mit den Händen dann fein zerdrücken. Alle anderen Zutaten gut einarbeiten. Zuletzt vorsichtig den Eischnee unterheben und das Ganze in eine flache, mit Backpapier ausgelegte Springform einfüllen und glattstreichen. Früher hat man die Springform traditionell gefettet und mit Semmelbröseln bestreut.
Eine dreiviertel Stunde backen, auf ein Gitter stürzen, aber die Form erst nach zehn Minuten Abkühlen abheben, damit sie sich besser löst! Dann wiederum stürzen und einen Teil (s.u.***) mit Puderzucker bestreuen. Vorsicht beim Stürzen - weil der Kuchen flach ist und leicht bricht, immer ein Gitter oder Blech dagegenhalten.
Elsässischer Bettelmann
Das elsässische Rezept, das ich habe, spart noch mehr an Zutaten, verwendet dafür aber etwas, was im badischen Rezept fehlt: Zucker. Denn der badische Bettelmann lebt von der Süße der Kirschen und muss auch mal zur Kartoffelsuppe passen***. Er war ursprünglich ein billiges Mittagessen während der Kirschernte.
Der elsässische Bettelmann besteht aus etwa 6 Brötchen, 250 g Zucker (mir zu viel), 1/2 l Milch, 1 kg Kirschen, 1 EL Kirschwasser und vier Eiern. Gemacht wird er wie oben, manche verquirlen auch einfach die Eier ganz hinein, ohne Schnee zu schlagen (er geht dann nicht so auf wie der badische, schmeckt kompakter). Gebacken wird hier etwa 50 min. und ebenfalls kalt oder warm serviert.
Clafoutis mit Kirschen
Dann gibt's noch die vornehme französische Version (ich finde ja schon die Mundstellung bei den Namen so herrlich, erinnert mich immer an Breitmaulfrosch und Spitzmaulfrosch, die sich um Maaarmelaaaade oder Konnnfitüüüre streiten). Die Franzosen aus der Stadt sind etwas betuchter und sparen weniger, haben aber dafür nicht so viele Kirschen wie die Landbauern:
1 Pfund Süßkirschen (und die werden jetzt gewaschen und entsteint, welche Sünde!)
30 g Butter
8 Eier
500 dl Creme fraiche
50 g gemahlene Mandeln
30 cl Kirschwasser
25 g Puderzucker
etwas Vanille
Eine große, flache Steingutform buttern und die Kirschen darauf verteilen. Die Eier mit der Creme aufschlagen, dann das Kirschwasser, die Vanille, den Zucker, die Mandeln und eine Prise Salz einarbeiten. Die Masse über die Kirschen gießen und bei 180 Grad etwa eine habe Stunde backen.
Guten Appetit - e gueter - bon appetit!
Im Idealfall ist es dann ein Blechkuchen mit biskuitartigem Teig und vielen Kirschen, die - ganz wichtig - ihre Kerne behalten haben. Denn auch das gehört zu den Kindheitserinnerungen: Endlich einmal am Tisch hemmunglos spucken zu dürfen; wenn die Erwachsenen wegschauten, in heimlichen Weitspuckwettbewerben. Die Kerne haben natürlich einen Sinn: Die Kirschen bleiben beim Backen knackiger und saftiger, der Kuchen matscht weniger, der Teig geht dadurch besser und eine nicht entkernte Kirsche hat mehr Aroma.
Armleutekuchen bedeutet: Mutter Natur bescherte einem im Überfluss Kirschen, die wie die vorhandenen Küchenreste verwertet werden wollten. Die Zutaten waren billig, immer im Haus zu finden; die Zubereitung einfach und schnell. Der echte alte Kirschplotzer, den die Elsässer Battelmonn (Bettelmann) nennen und die Franzosen im Elsass Mendiant, wird deshalb nicht aus Teig, sondern aus altbackenen Brötchen gemacht.
Hier mein uraltes Privatrezept, das mir mal irgendwer in Jugendzeiten gegeben hat (und wie immer gibt's keine Gewähr, weil ich pi mal Daumen koche!)
Badischer Kirschplotzer
ca. 5 altbackene Milchweck
1/2 l heiße Milch
2 Pfund Süßkirschen mit Kern
125 g gemahlene Mandeln
1 TL Zimt, 1 Messerspritze gemahlene Nelken
Ein tüchtiger Schuss Kirschwasser
4 Eigelb, Schnee von 5-6 Eiweiß
1 TL Backpulver
etwas Puderzucker
Die harten Weck grob zerkleinern, mit der Milch überbrühen und ziehen lassen. Mit den Händen dann fein zerdrücken. Alle anderen Zutaten gut einarbeiten. Zuletzt vorsichtig den Eischnee unterheben und das Ganze in eine flache, mit Backpapier ausgelegte Springform einfüllen und glattstreichen. Früher hat man die Springform traditionell gefettet und mit Semmelbröseln bestreut.
Eine dreiviertel Stunde backen, auf ein Gitter stürzen, aber die Form erst nach zehn Minuten Abkühlen abheben, damit sie sich besser löst! Dann wiederum stürzen und einen Teil (s.u.***) mit Puderzucker bestreuen. Vorsicht beim Stürzen - weil der Kuchen flach ist und leicht bricht, immer ein Gitter oder Blech dagegenhalten.
Elsässischer Bettelmann
Das elsässische Rezept, das ich habe, spart noch mehr an Zutaten, verwendet dafür aber etwas, was im badischen Rezept fehlt: Zucker. Denn der badische Bettelmann lebt von der Süße der Kirschen und muss auch mal zur Kartoffelsuppe passen***. Er war ursprünglich ein billiges Mittagessen während der Kirschernte.
Der elsässische Bettelmann besteht aus etwa 6 Brötchen, 250 g Zucker (mir zu viel), 1/2 l Milch, 1 kg Kirschen, 1 EL Kirschwasser und vier Eiern. Gemacht wird er wie oben, manche verquirlen auch einfach die Eier ganz hinein, ohne Schnee zu schlagen (er geht dann nicht so auf wie der badische, schmeckt kompakter). Gebacken wird hier etwa 50 min. und ebenfalls kalt oder warm serviert.
Clafoutis mit Kirschen
Dann gibt's noch die vornehme französische Version (ich finde ja schon die Mundstellung bei den Namen so herrlich, erinnert mich immer an Breitmaulfrosch und Spitzmaulfrosch, die sich um Maaarmelaaaade oder Konnnfitüüüre streiten). Die Franzosen aus der Stadt sind etwas betuchter und sparen weniger, haben aber dafür nicht so viele Kirschen wie die Landbauern:
1 Pfund Süßkirschen (und die werden jetzt gewaschen und entsteint, welche Sünde!)
30 g Butter
8 Eier
500 dl Creme fraiche
50 g gemahlene Mandeln
30 cl Kirschwasser
25 g Puderzucker
etwas Vanille
Eine große, flache Steingutform buttern und die Kirschen darauf verteilen. Die Eier mit der Creme aufschlagen, dann das Kirschwasser, die Vanille, den Zucker, die Mandeln und eine Prise Salz einarbeiten. Die Masse über die Kirschen gießen und bei 180 Grad etwa eine habe Stunde backen.
Guten Appetit - e gueter - bon appetit!
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